Safari

Vorschlag zur Reiseplanung

Verehrte Reisende,

Wenn einer eine Reise macht, dann pilgert er - nicht selten - an einen ihm bis dato unbekannten Ort und durchkreuzt dabei einen ihm bis dato unbekannten Raum. Und dieser Raum ist es, der mir im Folgenden wichtig ist. Ich möchte daher mit einem Zitat von Michel Foucault beginnen, der 1967 schon einmal zusammengefasst hat:

„Die aktuelle Epoche ist die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander. Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, das seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt.“ (Foucault 1993 [1967] 34)

Was da mittlerweile so als einhelliger Konsens daherkommt, kann man durchaus persönlich nehmen. Wir dürfen uns durchaus als Teile dieses Netzes verstehen, Verknüpfungspunkte, von denen ausgehend der Raum um uns – also auch von uns - befüllt, belegt und gestaltet wird. Es erscheint daher als logische Konsequenz, wenn Uta Siebert mit ihren Zeichnungen und Wandinstallationen ebenfalls den Raum belegt und die Wand als mysterische Grenze am Rand des Universums verlässt.

Denn dann sind nicht nur die Figuren auf ihren Zeichnungen Protagonisten, sondern auch wir selbst. Unsere Gegenüber haben – wie wir selbst – eine Geschichte. Welche kann man nur ahnen... Die Künstlerin gibt jedoch einen Hinweis: Als Vorlagen für ihre Zeichnungen dienten FilmStills aus dem Film Noir. Einem Genre, das als Antwort auf die heile Hollywood-Welt verstanden werden kann: In den 40er bis 60ern entstanden Filme, die sich am deutschen expressionistischen Film orientierten. Das Strickmuster dieses Genres ist ein hoffnungsloses: Durchschnittlicher, aufrichtiger Typ trifft unbekannte, geheimnisvolle Schöne, die einen moralisch fragwürdigen Charakter besitzt. Der durchschnittliche, aufrichtige Typ verfällt dem Charme dieser „Femme fatale“, die ihn als Spielfigur in ihrem Intrigennetz missbraucht und letztlich ins Unheil stürzt. Ein verschlagenes, hinterhältiges Weib, und emanzipiert. Das Klischee lebt!

Doch so genau wollen wir das gar nicht wissen. Und auch Uta Siebert besteht darauf, es gar nicht genau zu wissen. Sie hat bewusst keinen der Filme, die sie als Vorlagen verwendet hat, gesehen. Denn eigentlich ist es viel einfacher: Da ist sie nun, die „femme fatale“, Inbegriff der menschlichen – ich umgehe bewusst eine Gender-Debatte in diesem Kontext- also der menschlichen Untiefen. Diese femme fatale bewegt sich im Raum, im Dickicht der wuchernden Planzen, und wir stehen ihr gegenüber.

Wer in Uta Sieberts Bildern die Fäden zieht ist eindeutig uneindeutig. Ist es tatsächlich diese Femme? Oder doch ihr Partner, der nonchalant den Arm um ihre Schulter legt und mit dem Giftfässchen wedelt, während die Schöne untergeht.

Uta Siebert führt uns also eher auf eine Reise psychologischer Natur, auch wenn sich hier ein Äffchen in der Baumkrone einzumischen scheint und dort die Zebras idyllisch am Wasserloch stehn.

Ob es sich bei diesen unseren Begegnungen tatsächlich um eine Konfrontation mit dem Fremden handelt, wie bei einer Safari üblich, und die Wildnis, die wir durchwandern tatsächlich so wild ist, möchte ich in Frage stellen. Und das muss sich sehr gewiss sogar jeder selbst beantworten. Vielmehr erscheinen mir die Wandinstallationen eher wie eine bisher unsichtbare Metaebene. Die Zeichnungen und ihre rohrschachtartigen Auswüchse füllen den realen Raum der schönenstadt, den Raum des Aussen, und machen sichtbar, was sonst nicht greifbar scheint, den Raum des Innen. Eine phänomenologische Tatsache: Wir leben nicht in einem homogenen und leeren Raum! Und wieder ist es Michel Foucault, der fast schon poetische Worte für diesen Raum findet, poetisch, wie die narrativen Zeichnungen von Uta Siebert, die eine Bildebene um die andere sprengen:

„Dieser Raum ist mit Qualitäten aufgeladen, vielleicht auch von Phantasmen bevölkert. Der Raum unserer ersten Wahrnehmung, der Raum unserer Träume, der Raum unserer Leidenschaften - sie enthalten in sich gleichsam innere Qualitäten; es ist ein leichter, ätherischer, durchsichtiger Raum, oder es ist ein dunkler, steiniger, versperrter Raum; es ist ein Raum der Höhe, ein Raum der Gipfel, oder es ist im Gegenteil ein Raum der Niederung, ein Raum des Schlammes; es ist ein Raum, der fließt wie das Wasser; es ist ein Raum, der fest und gefroren ist wie der Stein oder der Kristall.“

Einen guten Aufenthalt!

Julia Kurz
2009

Michel Foucault. Andere Räume. In: Barck, Karlheinz u.a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992.

zum Seitenanfang

„Es geht darum,
den Raum in Beschlag zu nehmen“

sagt Uta Siebert und im Englischen heißt das auch seize - ergreifen, sich aneignen, fassen; und das findet bei der Künstlerin im Raum statt, fasst und verfasst ihn neu. Hier findet die aus der Handzeichnung stammende Linie eine neue Art von „Beschlag“. Sie wird im freien Lauf mit dem Cuttermesser aus dem Kautschukmaterial geschnitten, wird wie Holz aus dem Dickicht möglicher Linienverläufe „geschlagen“. Aus dem Wald kommt die hölzerne Ummantelung des Zeichenstiftes, im artifiziellen Wald steht und bewegt sich der Betrachter, ergeht sich seine Ansichtsverläufe, zu denen die Raumzeichnungen einladen, auf Wand, Boden und Decke und er ist mittendrin: Sinnhorizonte öffnen sich, lassen an die Natur von Verästelung, Zweigwerk , untergründige Verwurzelung denken, machen sie spürbar im Kunstraum. Mit dem Verfahren der Okulation verwandt, werden den Zeichenwegen Augen eingesetzt.

Auf dem Zeichenblatt ebenso wie in den Rauminstallationen entstehen landschaftliche Strukturen, phantastisch und konkret zugleich- die Linien sind abstrakt-organisch und die figurative Zeichnung, der keine Installation und keine Blattzeichnung von Uta Siebert ermangelt und die stets auslösendes Element und grafisches Zentrum ist, führt in die Konkretion der Erzählung zurück.

Die Erzählung verweist jeweils als Kernstück der raumgreifenden Arbeiten auf einen subjektiv gewählten Ansatz der Künstlerin: seien es die Gestalt der Uta von Naumburg (in „Bucht“ 2004) oder die ehemaligen Arbeiterinnen der Graetz-Werke in Altena (in „Plantage“ 2004), ein am Seil hängendes Mädchen (in „sub_canyon“ 2003) oder eine Graffitifigur (in „riff“ 2003). Das erzählende Moment ist naturalistisch, jedenfalls figurativ gezeichnet und fokussiert im ausgreifenden Charakter der Raumzeichnungen das Menschenbild, dem immer eine Fotovorlage zu Grunde liegt. Uta Siebert braucht die Polarität von konkretem Ausgangspunkt und ungesteuertem, freiem, autonomem Zeichnungsverlauf. Sie zeichnet präzise, worum es ihr zu Beginn geht, um dann spielerisch Verzweigungen im Abstrakten und Plastischen zu entwickeln. Das wirkt vegetabil, - läuft natürlich, immer weiter, die Materialien wechselnd und vom Eindimensionalen ins Mehrdimensionale der skulpturalen Zeichnungsform kommend. Der spielerische Anteil dabei folgt keiner Regel, sondern hebt sie eher auf: Da werden Überlagerungen von plastischen Kautschukformen auf vornehm grauer Handzeichnung sichtbar wie überdimensionierte, tiefschwarze Schatten, da gibt es das Nebeneinander von Zeichnungsblatt an der Wand, Zeichnung auf der Wand und schlagschattige, reliefartige paper-cuts an der Wand, Buntstiftzeichnung und laufende Sprühfarbe, dazu gesellte Kautschukbäume (in „Rio“ 2002) gleichzeitig und gleichwertig. Eine mutige, neuartige Weise, mit Zeichnungselementen umzugehen. Es ist auch der Versuch, Unmögliches möglich zu machen, wollen die Kautschukformen nicht von allein stehen, halten sie fast unsichtbare Nylonfäden an der Decke und machen so aus standunfähigem Material scheinbare Plastizität. Was eigentlich nicht funktioniert, wird vernetzt, zusammengezeichnet mit und durch die Distanz im Raum. Der Raum gebärdet sich dabei als Bühne, sein Stück sind die blickschichtenden Kulissen der grafischen Einzelteile, die Textlage sprechen die Figuren. Darin verbirgt sich eine vielschichtige Logik der Verletzung:

Verletzt werden die Papiere und das Kautschukmaterial (das durch Verletzung tropischer Baumrinde gewonnen wird) mit dem zeichnenden Schnitt des Cutters, der wie ein linienschaffender Bleistift operiert. Verletzt wird die traditionelle Zeichenkunst und ihre disziplinierenden Vorgaben: seien es Format, Zeichengrund oder -material. Verändert wird auch der Wahrnehmungsvorgang: aus der gewohnten Intimität physischer Unbewegtheit in der grafischen Anschauung wird der Betrachter zur Bewegung innerhalb der Zeichnung verleitet. Im Produktionsvorgang läuft der bewegte Zeichnungsprozess seiner Rezeptionweise voraus, wenn die Zeichnerin am Boden hockend Kautschukformen schneidet, Linien und amorphe Formen modelliert und das ganze Atelier als „Blattformat“ schnittfest macht. Künstlerische Kombinationslogik wächst sich aus und stabilisiert die Zeichnung im Raum.

Widerlegt Uta Siebert das Diktum vom Ende der großen Erzählung nach Danto, wenn sie erzählenden Kern und wuchernde Linienwelten zusammenpflanzt? Das Figurative soll „aufgelöst“ werden, sagt die Künstlerin. Aufgelöst in ihre Bestandteile werden die Zeichnungselemente auch noch mobil, (' le dessin en valise' ),- frei vom spezifischen Entstehungsort und Ausstellungsraum.

Der Vergleich mit dem Begriff des „disegno“ drängt sich auf, der auch das Konzept und die Idee evoziert, die erkennende Linie meint. Gordon Matta-Clark hat in diesem Sinn „gezeichnet“, wenn er Schnitte, wie Linien durch verlassene Häuser sägte, damit der künstlerischen Zeichnung eine skulpturale Erweiterung bescherte und mit dem Prinzip der Destruktion neue Sichtweisen freilegte.

Im Zeichnungsdschungel der Arbeit „Plantage 2004“ wabern pathetische Kautschukgebilde im Raum, kontrastieren mit Hardegde-Formen aus Tape und farbig unterlegtem Scherenschnitt, der in dieser Gesellschaft das Biedermeierliche verliert an der Wand, laufen gezeichnete Schraffurbänder von der Wand über das großformatige Zeichenblatt, wird die Deutlichkeit der figurativ gezeigten Arbeiterinnen mit Sprühfarbenflecken in Fußleistennähe relativiert- wie läuft das alles zusammen? In der Aufzählung, die sich zur Raumerzählung auswächst und Irritation und Faszination bewirkt. Entstanden ist die Arbeit im Förderstipendium in Altena, wo sich die Künstlerin mit der Geschichte der Graetz-Werke und ihrer Arbeiterinnen beschäftigte und ein Werk in den ehemaligen Fabrikräumen installierte, das hier einen idealen Rahmen gefunden hat. Wie in einem Aquarium lebt die Zeichnung, ist durch eine Glaswand von außen oder durch das Hineintreten in den Raum von innen anzusehen, aus Nähe und Ferne wahrnehmbar und in der, der Fotodokumentation eigenen, räumlichen Verflachung noch einmal zusammengezogen, als Konzentrat additiver Bildlogik zu erkennen. Ein künstlerisches Erinnerungsmal, gezeichnet, erzählt von den Arbeiterinnen und ihren Produkten, technischen Geräten wie Radioapparaten und Fernsehgeräten und lässt „fernsehen“ entstehen – wir sehen jetzt, was war und in der Kunstform weiterlebt.

Una H. Moehrke
2006

zum Seitenanfang